Vernetzung endet nicht am Klinikausgang

Von , Geschäftsführer

Im Juni hat der VDE ein Positionspapier veröffentlicht, an dem ich als einer von vierzehn Autorinnen und Autoren mitgearbeitet habe: „Vernetzte und intelligente Medizintechnik als Treiber eines modernen Gesundheitssystems“, PDF, öffnet in neuem Tab. Es ist das Arbeitsergebnis des ITG-Beirats „Qualifizierung HealthCare“ und des DGBMT-Fachausschusses „Geschäftsmodelle Intelligenter Assistenzsysteme“, fünfzehn Seiten, ein Jahr Arbeit. Die Kernthese in einem Satz: Die Geräte sind da, die Daten sind da, aber sie kommen nicht zusammen. Der VDE nennt das einen „digitalen Rohdiamanten – wertvoll, aber nicht geschliffen“.

Das Papier blickt dabei vor allem in die Klinik: Intensivstation, Beatmungsgerät, Infusionspumpe, Monitoring. Dort stehen die teuersten Geräte, dort ist der Datenreichtum am größten, und dort scheitert die Vernetzung am häufigsten an proprietären Schnittstellen, getrennten Zuständigkeiten von Medizintechnik und IT und fehlendem Personal. Das ist alles richtig, und ich habe es in den Diskussionen gern unterschrieben. Aber ich komme aus einer anderen Ecke des Gesundheitswesens, und von dort sieht dasselbe Problem etwas anders aus.

Die Kette, die niemand im Blick hat

Menschen mit Hämophilie behandeln sich zu Hause selbst, intravenös, oft mehrmals pro Woche, seit dem Kindesalter. Ihre Versorgung ist ein Netz aus vier Beteiligten, die sich selten gleichzeitig in einem Raum befinden: der Patient mit seinem Tagebuch, die Apotheke, die seit 2020 die Präparate abgibt und jede Abgabe an den Arzt melden muss, das Hämophiliezentrum, das dokumentiert und prüft, und das Deutsche Hämophilieregister, das jährlich die Meldungen der Zentren einsammelt. Jede Faktorgabe ist chargengenau zu dokumentieren und dreißig Jahre aufzubewahren. Welche Vorschrift was verlangt, haben wir kürzlich auf einer eigenen Wissensseite zusammengestellt.

Diese Kette hat kein einziges Beatmungsgerät. Sie hat aber exakt die Probleme, die das VDE-Papier für die Klinik beschreibt: Daten entstehen an vier Stellen, in vier Systemen, und ohne Vernetzung werden sie viermal abgetippt, verzögert weitergegeben oder gar nicht ausgewertet. Das Papier spricht von „redundanter Dokumentation“ und „Insellösungen“. In der Hämophilie hieß das jahrzehntelang: Papiertagebuch, Fax, Aktenordner.

Fünf Forderungen, einmal übersetzt

Das Papier formuliert fünf Handlungsfelder. Ich habe sie für unsere Welt übersetzt, weil sich zeigt, wie viel davon außerhalb der Klinik schon geht.

Interoperabilität. Der VDE fordert offene, standardkonforme Schnittstellen statt herstellereigener Formate. In der Hämophilie ist das keine Zukunftsforderung: Unser elektronisches Tagebuch eDiary übergibt Daten an das Deutsche Hämophilieregister und an das Berechnungsportal WAPPS-HEMO der McMaster-Universität, und die Apothekensoftware ScanDoc liefert die Abgabedaten direkt in das Tagebuch des Patienten; über dieselbe Schnittstelle ist auch ein anderes Tagebuch, florio HAEMO, angebunden. Das Prinzip dahinter ist das des Papiers: Die Daten gehören in den Prozess, nicht in ein Silo.

Governance. Das Papier beklagt getrennte Zuständigkeiten von Medizintechnik und IT. Unsere Variante dieses Problems sind getrennte Zuständigkeiten zwischen Institutionen. Am deutlichsten bei der Gentherapie: Ein spezialisiertes Zentrum infundiert, das Heimatzentrum übernimmt fünfzehn Jahre Nachsorge, das Register und der Gemeinsame Bundesausschuss wollen Daten, der Hersteller ebenfalls. Die GTH empfiehlt dafür ausdrücklich eine gemeinsame elektronische Plattform. Wir haben eine gebaut, Gene, und gelernt: Die Technik ist der kleinere Teil. Der größere ist, dass zwei Zentren sich auf eine Akte einigen. Auch dazu gibt es inzwischen eine Wissensseite.

Cybersecurity. Security by Design über den gesamten Lebenszyklus, verlangt der VDE. Für ein Medizinprodukt, das Gesundheitsdaten von Kindern und Erwachsenen dreißig Jahre lang vorhalten muss, ist das keine Kür. Deshalb liegen unsere Daten ausschließlich auf eigenen Servern in Deutschland, und deshalb ist eDiary bewusst eine Web-App ohne App-Store: Kein Dritter sitzt zwischen Patient und Zentrum.

Klinische Validierung. Das Papier fordert Evidenz statt Versprechen, besonders bei KI. Ich teile das ohne Einschränkung, und wir halten uns daran: Was eDiary in der Versorgung bewirkt, haben Hämophiliezentren 2019 in der Hämostaseologie anhand von 663 Patienten aus 30 Zentren beschrieben, nicht wir in einer Broschüre. Und zur KI haben wir auf unserer KI-Seite aufgeschrieben, wo wir sie einsetzen und wo bewusst nicht.

Qualifizierung. Der VDE verlangt Schulungsprogramme für Medizintechnik, IT und Pflege. Unsere Erfahrung aus über hundert Apotheken, die ScanDoc einsetzen: Die Software ist in einer Stunde erklärt, der Prozess dahinter braucht das Gespräch. Wer die Schulung spart, bekommt ein Werkzeug, das niemand benutzt.

Was ich aus der Arbeit am Papier mitnehme

Erstens: Die Diagnose des VDE ist richtig und gilt weit über die Klinik hinaus. Zweitens: Die ambulante Versorgung seltener Erkrankungen ist ein guter Ort, um Vernetzung auszuprobieren, weil die Beteiligten überschaubar sind und der Nutzen jeder einzelnen Schnittstelle sofort sichtbar wird. Hämophilie hat in Deutschland einige tausend Patienten, keine Millionen; hier lässt sich eine Kette schließen, bevor man sie skaliert. Drittens, und das ist meine Ergänzung zum Papier: Vernetzung ist kein Zustand, den man einmal herstellt. Präparate kommen und gehen, Registerpflichten ändern sich, Hersteller verlassen Märkte. Die Daten der Patienten bleiben. Ein System, das sie dreißig Jahre lesbar hält, ist am Ende wichtiger als jede einzelne Schnittstelle.

„Die Digitalisierung der Versorgung ist kein technisches Projekt, sondern ein struktureller Wandel.“ So endet das Papier. Ich würde ergänzen: Und der Wandel beginnt dort, wo der Patient ist. Das ist selten die Intensivstation.

Das Positionspapier gibt es als PDF beim VDE, öffnet in neuem Tab, die Pressemitteilung, öffnet in neuem Tab fasst die Forderungen zusammen.